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1975 starb der General. Es kam zur Reform, zum Spiel um die Macht der transición, des Übergangs zur Demokratie, Spanien erhielt eine neue demokratische Verfassung, die brennende Frage der autonomen Regionen wurde gelöst, erstmals fanden allgemeine Wahlen und Gemeindewahlen statt: in Madrid wurde der Professor Tierno Galván Bürgermeister und eine Zeitung erblickte das Licht der Welt: El País.
Die Demokratie brachte bei weitem nicht die radikale Umgestaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen Spaniens mit sich. Der Enthusiasmus des Antifranquismus verkümmerte ob der alltäglichen Banalität der Demokratie, die Folge war der desencanto, die enttäuschte Abwendung von der Politik. (...) In der Zwischenzeit explodierte unter dem Vorzeichen des in positiven Skeptizismus umgewandelten desencanto in Madrid die movida. Das Leben als Fest des Gedächtnisschwundes, ein Vorbote des Postmodernismus, der Abschied von der Politik, es lebe das "Alles geht". Um die Zeitschrift La luna drehte sich der glitzernde Spiegel einer neuen Generation von Schrift- stelleranwärtern, nur wenigen gelang der Durchbruch. Bessere Ergeb-nisse brachte der Film, der Name Pedro Almodóvar mag genügen. Wenn nicht im Schatten der movida, so doch dank ihrer Auswirkungen kristallisierten sich die Autoren der neuen spanischen Prosa heraus: Jesús Ferrero, Juan José Millás, Antonio Munoz Molina, Javier Marías. Weiters etablierte sich die Macht von El Páis als die Sonne, um die bald alle literarischen Planeten und Satelliten kreisten. Wer nicht in El Páis publizierte, der existierte nicht. Im Umfeld von El Páis richtete sich der Verlag Alfaguara ein, der in bezug auf Prestige mit dem von Jorge Herralde geleiteten katalanischen Verlag Anagrama wetteiferte. Jeder junge Autor möchte in einem der beiden Verlage veröffentlichen, wer es dort nicht schafft, der geht zu Tusquets in Barcelona oder zu Debate in Madrid. Barcelona ist weiterhin die Hauptstadt der Verlagsindustrie, aber Madrid hat seine Stellung als zentrales Schaufenster wieder erlangt. Die Buchbeilage von El Páis ist das neue Orakel von Delphi. Die Konkurrenz, ABC und El Mundo, kämpfen gegen diese Hegemonie, die mit den verschiedenen sozialistischen Regierungsperioden ihren Höhepunkt und den Beginn ihres langsamen Abstiegs erreichte. Die Schriftsteller kehren in den königlichen Palast zurück, wo sie der König freundlich begrüßt und sie sich verzückt verbeugen. Wenn die politische Auseinandersetzung schärfer wird, so tauchen Cliquen auf, die von den jeweiligen Zeitungen mehr oder weniger stark protegiert werden. Die Spielregeln werden nicht im Wettbewerb unter Eingesessenen und Neulingen ausgemacht: alle wollen das Gleiche und benutzen dazu das gleiche Mittel: den Markt. Dank der bis vor kurzem noch unvorstellbarer in- und ausländischer Investitionen ist der Markt heute die Avantgarde. Die Literaturgeschichte wird wöchentlich in den verschiedenen Bestsellerlisten geschrieben: ich bin dabei, du nicht. Ein Zusammenleben, das als Pluralität ausgelegt wird, während sich dahinter jedoch unhinterfragtes Einvernehmen verbirgt. Viele sind berufen, aber zu viele sind auserwählt, dennoch fühlt sich immer einer zurück-gestellt.
(Constantino Bértolo, Lichtungen, Heft 85)
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