|
Dichter bilden für Izet Sarajli´c eine eigene Welt oder Bruderschaft oder Schwesternschaft, die auf der ganzen Welt zu finden ist und miteinander kom-muniziert. Die Dichter sucht er bei seinen Reisen, an sie richtet er Verse, ihre Biografien interessieren ihn, mit ihren Porträts hat er seinen Arbeitsraum gefüllt, sie sind seine Vertrauten und Teil seines Mythos, den er selbst als Dichter erschafft.
Die erste Stelle in seinem Dichtungskosmos aber nimmt die Stadt ein, Sarajevo, die auch die Welt ist, das Gefäß für alle Wahrnehmungen, die Sehnsüchte, für die Liebe zwischen Frau und Mann am meisten, für das Erschrecken angesichts der Vergänglichkeit und die Angst vor dem Verschwinden aus der Welt.
Mit 15 Jahren hatte er, wie gesagt, schon viel Geschichte im Sinne einer kollektiven und zugleich ganz eigenen Erfahrung hinter sich, den Krieg, darin die Verhaftung der beiden älteren Schwestern, die Hinrichtung des älteren Bruders Eso, den ersten Verlust, für den es nie einen Trost gab. Durch Eso ist ihm "das Schicksal des jüngeren Bruders" zuteil geworden. Er stand als Junge unter seinem Schutz, vielleicht hat das angehalten bis heute. Der Tatsache mag Izet seine Freundlichkeit und Achtsamkeit, sein Grundvertrauen danken, dem Verlust die Skepsis.
Dann entdeckte er Sergej Jessenin und andere russische Dichter, rezitierte und übersetzte sie und ließ davon auch nicht ab, als Jugoslawien 1948 mit der Sowjetunion brach und die Übereifrigen alles Russische verdammten. Izet Saralji´c konnte nie ein Hofdichter werden. Als Enthusiast des neuen Jugoslawien, als tief antifaschistisch gesonnener Autor, der immer populärer wurde, hätte er nach allen Regeln in der offiziellen Literatur eine Spitzenposition einnehmen müssen, aber er war immer zu eigensinnig, um ein Vorzeigedichter zu werden. Auch im belagerten Sarajewo ist es ihm so ergangen. Diese dreieinhalb schweren Jahre hat er mit seiner Familie dort ausgeharrt. Sie konnten, wollten die Stadt nicht verlassen, obwohl sich Möglichkeiten dazu sicher gefunden hätten. Sie blieben, um das Schicksal der Stadt zu teilen. Ohne Privilegien. Obwohl fast alles wieder so gut passte - Izet Sarajli´c kommt aus einer moslem-ischen Familie, schrieb unter Beschuss Gedichte, die die Tageszeitung "Oslobodzenje" druckte -, dennoch wurde er auch jetzt nicht in den Kreis der Dichter aufgenommen, die der Macht nah sind. Er blieb bei der zeitweilig kleinen, in den letzten Jahren erstarkten Opposition jener, die sich für ein multi- religiöses Bosnien und ein offenes Sarajewo aussprachen.
(Marina Achenbach)
|
|