|
(...) Im Gegensatz zu anderen ehemals kommunistischen Ländern, die nun den Aufbau einer demokratischen Zukunft in Angriff nehmen konnten, ging im ehemaligen Jugoslawien die Entwicklung rückwärts. In ungeheizten Studierzimmern kramten die Intellektuellen und Schriftsteller aus ihren Schubladen alte Denkschriften hervor, die einem aggressiven Nationalismus das Wort redeten, Feindschaft schürten und den Krieg verherrlichten. Sie landeten in den Kanzleien der Politiker, die den ganzen Schund unter Zuhilfenahme des Fernsehens, der Printmedien und auf Massenkundgebungen unters Volk brachten. Zehn Jahre lang jagte ein blutiger Krieg den anderen.
(...) Im Gegensatz zu uns Studenten fühlten sich die Mitglieder des Lehrkörpers, mit Ausnahme unseres Lieblingsprofessors, der uns die Weltliteratur kennen lehrte, allen dramatischen politischen Entwicklungen zum Trotz, wie befreit. Titos Reich zerfiel, und dies erlöste sie von den Problemen, die jeder, der irgendwo auf dem Territorium des nun schon ehemaligen Jugoslawien albanische Literatur lehrte, gehabt hatte.
(...) Erstmals seit achtzig Jahren, seit die von Albanern besiedelten Gebiete auseinander gerissen und unter die Hoheit verschiedener Staaten gestellt worden waren, gab es einen Austausch zwischen den beiden Literaturen ohne ideologische Beschränkungen und andere Barrieren.
Allerdings wurde sogleich auch deutlich, wie unterschiedlich man die literarische Ver- gangenheit und die sich daraus ergebenden Perspektiven einschätzte.
In Albanien waren die Schriftsteller aus der fünfzigjährigen strengen Herrschaft eines stark nationalistisch eingefärbten sozialistischen Realismus entlassen worden und hatten sich nun neu zu orientieren. (...) Der jüngeren Generation der Schriftsteller fiel es nicht schwer, den alten Ballast einfach über Bord zu werfen und sich auf alles zu stürzen, was die freie literarische Welt während der Jahrzehnte der albanischen Abkapselung an Ismen hervorgebracht hatte, um sie eklektizistisch zu adaptieren, logischerweise ohne großen Erfolg, weil man die ihnen zugrunde liegenden literaturhistorischen, philosophischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nachzuvollziehen vermochte, wenn man sie überhaupt richtig kannte. In der Prosa fallen - in äußerlicher Abkehr vom sozialistischen Realismus - ein Misstrauen gegenüber realistischem Erzählen, eine ausgeprägte Neigung zur Vertiefung in die eigene Innerlichkeit und eine Weltschmerzlichkeit auf, die sich im üppiger sprießenden Garten der Poesie ebenfalls bemerkbar macht. Dort tritt sie in Verbindung mit einer formalen Experimentierfreude auf, die meist nicht mehr hervorbringt als Belege des oberflächlichen Versuchs, so interessant wie möglich zu erscheinen.
Drüben in Kosova, wo sich das liberalere politische Klima unter Tito sowie die teilweise Öffnung gegenüber Einflüssen der slawischen Literatur und der über die slawischen Sprachen rezipierten Weltliteratur in einem deutlichen Qualitätsvorsprung gegenüber der Masse der sozialrealistischen Durchschnittsware aus Tirana niedergeschlagen hatte, fing man nun angesichts der zunehmenden Repression durch das Miloševic-Regime an, sich nicht nur politisch, sondern auch literarisch immer mehr einzuigeln. Die Sprache und das viel beschworene literarische Erbe hatten vor allem dem Nachweis der eigenen ethni-schen Autochthonie zu dienen.
(Beqë Cufaj, Übersetzung: Joachim Röhm)
|
|