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Schon die mehrsprachige Bezeichnung dieser Stadt - griechisch-lateinisch Leopolis, polnisch Lwów, ukrainisch Lwiw und deutsch Lemberg, verweist auf deren Zugehörigkeit zu zumindest ebenso vielen kulturellen und literarischen Traditionen, die in dieser Stadt im Lauf ihrer Geschichte anzutreffen waren. (...)
Den Fragmenten der alten Leopolis begegnen die jungen ukrainischen Autoren der 80er und 90er Jahre nicht im Museum, sondern auf den Straßen und Plätzen ihrer Stadt, wo diese allerdings mit Elementen aus späterer Zeit, darunter auch Versatzstücken der Sowjetkultur, kontaminiert sind. Dieses groteske Neben- und Übereinander evoziert nicht die melancholische Kontemplation, sondern das befreiende Lachen und den kreativen Umgang mit diesen Resten der alten Zeit in der eigenen literarischen und künstlerischen Praxis. Nicht von ungefähr entstand gerade in Lwiw um die Mitte der 80er Jahre, zeitgleich mit der Perestrojka in Russland, eine der wichtigsten literarischen Gruppierungen der ganzen Ukraine - die Gruppe BU-BA-BU, was für Burleske-Balagan (=Schau-bude) und Buffonade steht. Drei junge Dichter, damals noch keine dreißig Jahre alt, Jurij Andruchowytsch, Wiktor Neborak und Olexander Irwanez, nahmen der Lyrik den tierischen Ernst, trugen das dichterische Wort hinaus auf die Straße, lang ehe es in gedruckter Form nachzulesen war, und funktionierten die Dichterlesung um zur inszenierten Autoren-Show und zum Happening, mit dem sie Hunderte begeistern konnten. Das Material aber, aus dem sie ihre Texte formten, war urbaner Natur - Leopolis bot sich als reiche Fundgrube und großes Sammelsurium der verschiedenen Traditionen an, aus dem man sich je nach Belieben bediente, ganz im Sinn der Postmoderne, die mit dieser Dichter- generation auch in der Ukraine Einzug hielt. So greift etwa Andruchowytsch den historisch belegten Einsturz des Lemberger Rathauses von 1826 auf, um daran eine mysteriöse Unterweltgeschichte zu knüpfen.
(...) Heute sind die Mitglieder der Gruppe BU-BA-BU (die als solche übrigens nicht mehr besteht) fast vierzigjährig, eine neue poetische Generation der Dreißig- und noch nicht Dreißigjährigen ist angetreten, die einmal mehr "ihre" Stadt Lwiw zum Thema wählen, wenngleich nicht mit der Intensität, wie das die Generation zuvor tat. Tymofij Hawryliw, ein ebenso sensibler wie begabter junger Dichter, beschließt seinen ersten Lyrikband "Arabesky pamjati"/"Die Ara-besken des Gedächtnisses" mit einem Zyklus "Leopolis"; behutsam und respektvoll geht der junge Mann mit Topoi um, die nun wieder durch ein Gedächtnis vermittelt sind, um sie nach Mustern, nach Farben, nach der Geometrie der eigenen Imagination anzuordnen. Das homogene Stimmungsbild tritt an die Stelle der bunten Collage, die Neomoderne scheint über die Postmoderne gesiegt zu haben.
(Alois Woldan, Lichtungen 83) |
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Jurij Andruchowytsch
Geboren 1960, führender Vertreter der zeitgenössischen ukrainischen Literatur, schreibt Lyrik, Prosa und Essays, übersetzt aus dem Deutschen und dem Polnischen. Mitbegründer der Gruppe BU-BA-BU (1985 -1992), Lebt in Iwano-Frankiwsk (ehem.
Stanislau).
Veröffentlichungen u.a.:
Stadtmitte, 1989; Exotische Vögel und Pflanzen, 1991;
Seitensprünge, 1991; Moskowijada, 1993.
Tymofij Hawryliw
Geboren 1971, Vertreter der jüngsten ukrainischen Dichtergeneration,
veröffentlichte mehrere Lyrikbände und ist als Trakl-Übersetzer ins Ukrainische hervorgetreten. Lebt in
Lwiw, lehrt an der dortigen Universität. |