KULTURZENTRUM bei den MINORITEN   

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(c) E. Honetschläger, 2. Teil der Trilogie "COLORS", "Masaccio"

Minoriten-Galerien im Priesterseminar
Bürgergasse 2, A-8010 Graz

steirisc[:her:]bst


Kuratoren:
MMag. Alois Kölbl
MMag. Dr. Johannes Rauchenberger



In times of emergency...
Minoriten-Ausstellung im steirischen Herbst zu Religion und Kunst

 

 

"Christus vincit, Christus regnat, Christus, Christus imperat." Die bekannte Hymne ("Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit") hört man derzeit in einem der Galerieräume im Priesterseminar in der Minoriten-Ausstellung zum steirischen Herbst: Zugegeben, nicht für dieses Haus, aber für diesen Anlass ist dies höchst merkwürdig. Zu sehen ist in diesem Raum nichts als ein erhöhter Boden, auf dem durchgehend Papier geklebt ist – der Grundriss von Honetschlägers Wohnung in Rom. Auf diesem Boden hat der Künstler, mittlerweile international viel beachtet, eine Zeit lang gelebt, man erkennt stärkere und schwächere Abdrücke, Spuren einiger kleiner "Unfälle", wie etwa verschütteten Rotwein. Die Stimmen hat Honetschläger am Ostersonntag am Petersplatz aufgenommen, fasziniert vom Anspruch der katholischen Kirche, die er nun für seine Kunst verwendet. Die Hymne – die gleichzeitig die Melodie von Radio Vatikan ist - war freilich in jenen Tagen ein wenig ins Gerede gekommen, weil die Sendefrequenzen vor den Hügeln des Vatikans so stark waren, dass die umliegenden Häuser die Melodie aus ihren Kühlschränken hörten, als sie jene aufmachten... Natürlich, es ist viel Augenzwinkern dabei, wenn Honetschläger die eigene Kultur und Religion mit dem fremden Blick zeigt, aber er tut dies stets hintergründig. Denn bereits im nächsten Ausstellungsraum, wo wieder ein erhöhter Boden mit Papierbahnen zu sehen ist – diesmal ist es die Wohnung des Künstlers in Tokyo – hört man die Fistelstimme des japanischen Kaisers aus dem Jahre 1946, der erstmals für seine Untertanen zu hören war – bis dahin sprach er niemals zum Volke! – und da vernahm jenes, dass er von nun an kein Gott mehr sei. Auf einem Schlag mussten die Japaner die "Entgottung" ihres Höchsten zur Kenntnis nehmen, ein Göttersturz also aus des Gottes Mund. Dabei sei es, so Honetschläger, gar nicht wahr, dass dies der Kaiser gesagt habe, die Amerikaner hätten dies lediglich behauptet als Preis für den verlorenen Krieg. Die Stimme freilich ist von einem Schauspieler imitiert.

Dies ist also die Vorbereitung auf den Brennpunkt der Ausstellung, wo die Videotrilogie "Colors" unter der "Trade-Mark" der Jesuiten (IHS) im ehem. Kapellenraum, zu sehen ist. Sie erschließt sich als der fremde Blick auf auf dasjenige, was man nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat. Im ersten Teil wird in der "Geschichte der Schokolade" Jesuitenmission und schweizerische Identität so gewitzt ineinander verschachtelt, dass es eine Geschichte über die "süße Sünde", ein einstmaliges "Herrschaftswissen" (als Droge für die Missionare) bis hin zu einem weitverbreiteten Genussmittel wird. Im zweiten Teil ("Masaccio") diskutieren vor den berühmten Fresken aus der Frührenaissance in der Brancacci-Kapelle in Florenz ein japanischer Professor für deutsche Literatur mit einer jungen Japanerin über das Christentum, über die westliche Kultur, über die beginnende Perspektive in der westlichen Bildwelt, und – vor dem Fresko der vertriebenen Ureltern Adam und Eva aus dem Paradies –was denn eigentlich "Sünde" sei: Und wieder wird die ganze Schwere kultureller Verschiedenheit durch so witzige Szenen kontrastiert, die einem erst im Lachen die Tiefe der Bedeutung aufgehen lässt: Kennzeichen wirklich guten Humors.

Diese "augenzwinkernd-subtile Archäologie eurozentristischer Dogmen" (E.H.) findet ihren Abschluss im dritten Teil des Films, genannt "in times of emergency": Collagenhaft zusammengesetzte Szenen aus Archivmaterial und realen Gesprächssituationen thematisieren die Bedrohung und gleichzeitig die unterschiedlichen Vorstellungen von Paradies und Liebe. Feuerwehrmänner versuchen mit veraltetem Material eine vergebliche Löschaktion, während über die ganze Bilderfolge die betörende Stimme der Maria Callas erklingt, die ergreifend von Liebe singt. Ohne dass es die Darsteller wussten, schnitt der Künstler ein Gespräch über deren Vorstellungen von Paradies, Sex und Liebe mit. Existentielle Themen des Menschseins, verbunden mit unterschiedlichen Antworten aus den verschiedenen Religionen und Kulturen. In der Zusammenschau geht es bei allem Augenzwinkern in dieser Kunst, die letztlich die Globalisierung zum Thema hat, immer auch um den Appell für Toleranz. Dieser ist gerichtet an kulturelle und religiöse Verschiedenheiten, aber auch an all jene politischen Theologien, die Religionen verbreiten, ob bei CNN wie in den letzten Wochen oder anderswo. Deshalb geht uns diese Ausstellung alle an, und sie ist aufgrund der jüngsten Ereignisse in der Welt von einer Aktualität, die niemand je auch nur geahnt hat.
(Johannes Rauchenberger)