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E. Honetschläger, 2. Teil der Trilogie "COLORS", "Masaccio"
Sa. 6. 10.
Eröffnung: 17.00 Uhr
der Künstler ist anwesend
Minoriten-Galerien im Priesterseminar
Bürgergasse 2, A-8010 Graz
steirisc[:her:]bst
Kuratoren
MMag. Alois Kölbl
MMag. Dr. Johannes Rauchenberger
Ausstellungsdauer
7. 10. - 4. 11. 2001
Öffnungszeiten
Di. - Fr. 14.00-18.00 Uhr, Sa. 11.00-16.00 Uhr
u. n. V. Tel. 71 11 33 -25 o. 29
Eintritt ATS 40,-/20,-
Führungsbeitrag ATS 20,-/10,-
Koordination/Kunstvermittlung
Mag. Christine Hollerer
Führungen auf Anfrage unter
711133 -25 bzw. 711133- 29
Weitere Programmpunkte
im steirischen herbst 2001
herbst Parcours "Standorte"
So. 21. 10. 2001, 15.00-17.00 Uhr
Künstlergespräch mit Edgar Honetschläger
So. 4. 11. 2001, 15.00-17.00 Uhr
Kunstgespräch mit den Kuratoren
Alois Kölbl und Johannes Rauchenberger
not.tour.no - die kunstnacht
Sa. 20. 10. 2001, 19.00 Uhr
Künstlergespräch mit Edelbert Köb
(Direktor des Museums Moderner Kunst, Wien)
und Edgar Honetschläger
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Edgar Honetschläger
"In Times of Emergency"
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Vor mehr als 400 Jahren trafen in
Japan durch die Jesuitenmission erstmals abendländisch-christliches und östliches Denken
aufeinander. Der Streit um die Akkomodation, die Frage, wie weit man den Inhalt der
eigenen Mission einer fremden Kultur anpassen und von ihr her modifizieren darf, hat
gerade in der Begegnung mit der fernöstlichen Tradition zu heftigen Auseinandersetzungen
innerhalb der katholischen Kirche geführt. Die Kolonialisierung von außen ist in Japan
gescheitert. Edgar Honetschläger, dem Wanderer zwischen europäisch-abendländischer und
fernöstlicher Welt und Kultur, der seit Jahren eine subtile künstlerische Archäologie
Japans betreibt, findet sich in einem Teil der Welt "in dem das Christentum nie Fuß
fassen konnte, und in welchem Sigmund Freud bis heute keine entscheidende Rolle
spielt" (E.H.). Vielmehr ist er mit einer vielschichtigen Selbstkolonialisierung der
Japaner konfrontiert, die sie ihre eigene Welt mit von außen implantierten Paradigmen
sehen und gestalten lässt. Unter geänderten Vorzeichen hat der Kosmopolit
Honetschläger, der inzwischen in Japan ebenso zu Hause ist, wie in Wien oder Rom, diesen
Blick des Fremden auf das Eigene zur multimedialen künstlerischen Strategie entwickelt.
Auf den Kapellenraum des ehemaligen Grazer Jesuitenkollegiums, dominiert vom
IHS-Monogramm, der zeitgenössische Werbestrategien antizipierenden, weltweit verbreiteten
"trademark" der Jesuiten, reagiert Honetschläger mit dem letzten Teil seiner
Videotrilogie "Colors": eine augenzwinkernd-subtile Archäologie
eurozentristischer Dogmen, in der Kultur- und Religionsfremde einen Blick in das ihnen
Ferne, nicht mit der Muttermilch Aufgesogene werfen und beim Räsonieren darüber
beobachtet werden. Nach der ironischen Verpackung der abendländischen Haltung zur süßen
Sünde in die Sequenz zur Geschichte der Schokolade ("The History of Chocolate")
und der von der Videokamera festgehaltenen lebhaft-witzigen Diskussion des japanischen
Professors für deutsche Literatur mit einer jungen Japanerin vor den Fresken in Masaccios
Brancacci-Kapelle - Inkunabel des dreidimensionalen Bildraumes europäischer Prägung -
über das Phänomen kultureller Differenzen ("Masaccio"), ist "In Times of
Emergency" eine Collage aus Archivmaterial und in Rom und Tokyo gedrehten Sequenzen.
Einer slapstickartigen Bilderfolge aus found footage (Archivmaterial aus Washington), die
eine Gruppe von Feuerwehrmännern zeigt, die in einer Übung während des Zweiten
Weltkrieges mit veralteten Geräten amerikanischer Provenienz eine aussichtslose
Löschaktion durchführen, folgt eine ohne das Wissen der Beteiligten mitgeschnittene
Diskussion zwischen dem Schweizer Serge Pinkus, dem japanischen Dozenten Leo Ryu Kogai,
der sich als Erwachsener taufen ließ, und nunmehr als orthodoxer Christ intensiv die Orte
des Christentums bereist und erforscht, und Yukika Kudo, Hauptdarstellerin in
Honetschlägers Filmen "Milk" und "L+R", über das Sexualverhalten von
Bonobono-Affen. Collagehaft dazugestellt Thomas Angus, ein Australier indonesischer
Herkunft, der auf einem Fußübergang über einem der pulsierenden Zentren Tokyos seinem
Ärger über die japanische Gesellschaft Luft macht. Was mit dem an die Komik alter
Stummfilme erinnernden Feuerwehrszenario beginnt, mündet am Ende der Sequenz in ein
Gespräch zwischen Y. Kudo und L.R. Kogai über ihre Vorstellungen von Paradies und Liebe.
Über der ganzen Bilderfolge die betörende Stimme der Maria Callas, die ergreifend von
Liebe singt. Bevor der Betrachter noch intellektuell-sezierend über Kultur und Tradition
nachdenken könnte, ist er mitten hineingerissen in das Wirrwarr kultureller Identitäten
und ihrer divergierenden Antwortversuche auf Lebens- und Sinnfragen.
Durch zwei ganz unterschiedliche und letztlich unvereinbare geistige Räume lässt
Honetschläger in der Ausstellung den Betrachter auf die Videoprojektion von "In
Times of Emergency" zugehen. Es sind seine eigenen Lebenswelten, die er uns zu
Füßen legt: In einer mehrmonatigen Aktion hat er das, was sich an sozio-kulturellem
Leben in ganz unterschiedlicher Weise, weil von unterschiedlichen Kulturräumen geprägt,
in seinen Wohnungen in Tokyo und Rom ereignet, buchstäblich in Papier abdrücken lassen.
Im Nebenraum, an der Rückwand der Projektionsfläche, reaktiviert der
"Hintermauerschauer / MAUERHINTERSCHAUER" fremder Welten (Jan Tabor über E.H.)
optisch lapidar und gerade dadurch sehr subtil trompe-l'oeil-artig eine zugemauerte Tür.
Der vorgetäuschten Öffnung gegenüber in gewohnt augenzwinkernder Manier ein mit dem
Computer manipuliertes Poster aus dem Wahlkampf für den Bürgermeister von Tokyo. Jung
und dynamisch blickt der Kandidat in den klinisch reinen Himmel. Geht man jedoch auf die
Homepage des Dargestellten, deren Adresse im Bildhintergrund aufscheint, so begegnet man
einem rundlichen Mittvierziger, der mit Mann auf dem Foto nicht besonders viel gemein zu
haben scheint.
Schein und Sein, Identität und Differenz, Bewusstes und Unbewusstes kulturel-ler und
religiöser Prägung, vordergründige Toleranz gegenüber Fremden und selbstauferlegte
Kolonialisierung werden von Honetschläger in einer Zeit zunehmender Globalisierung und
Gleich-Gültigkeit gegenüber dem kulturell Anderen wie auch dem Eigenen
hintergründig-verspielt erfahrbar gemacht.
(Alois Kölbl)
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