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Die Ausstellung von Claudia Schink im ehem. Jesuitenkollegium bildet einen Teil des übergreifenden Projektes "Das Abendland", das von der Kölner Multimedia-Künstlerin seit mehreren Jahren konsequent verfolgt wird. Es setzt sich auch mit dem Erbe der christlichen Prägung auf die westliche Kultur auseinander.


Kuratoren:
Johannes Rauchenberger/
Alois Kölbl
Minoriten-Galerien im ehemaligen Jesuitenkollegium, Bürgergasse 2, Sa. 21.4.-2.6. 2001
 

 

 

 

Was auf den ersten Blick wie ein zitathaftes Aufgreifen christlicher Märtyrerinnen-Ikonografie in ästhetisch-schönem Reiz anmutet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen in einer tiefgründigen Ambivalenz. Ein Hauch von Blasphemie einerseits, eine moderne, ernste Annäherung an Reliquien, Heiligenattribute oder deren Symbolisierung andererseits. Die Herabwürdigung des Fleisches, die Stigmatisierung des Körpers als ein Herd des Übels, welcher nach einer leibfeindlichen Interpretation des Christentums durch Leid und Schmerz niedergehalten werden muss, wird in einer gläsernen Hülle oder Leere präsentiert: als Entkörperlichung im Akt der radikalsten Ver-körperlichung, der Erfahrung des Schmerzes im Akt des Martyriums, als Moment radikalster Vereinsamung, als "SOLILOQUIA", als Selbstgespräch vor dem unmittelbaren Eintritt ins Jenseits. "SOLILOQUIA", ein Werk von Augustinus, ist eines jener bedeutungsschweren Worte von Claudia Schink; andere Titeln ihres "Abend-land"-Projektes sind etwa "De passionibus animae", "De civitate Dei", "Visio beatifica".
In einer Zeit völliger Geschichtsvergessenheit (wer kennt die Bedeutung dieser Worte noch?) kann man dieses Verfahren, eine aufgeladene Semantik zuerst ästhetisch zu nützen, um dann die offenbar so tote Tradition aber als Schatten doch durchs Haar fahren zu lassen, als besonders gelungen bezeichnen, wie hier bei Claudia Schink: So ähnlich kann man sich auch die mit großem Aufwand hergestellten Glasobjekte vorstellen, die zum einen Abdrücke vom Leib der Künstlerin selbst sind. Hand, Augen, Busen, Bauchform, Körperhülle wären noch nicht verdächtig, wären sie nicht mit Werkzeugen - aus mundgeblasenem Glas - konfrontiert, die sie ziemlich eindeutig in die Bildwelt der christlichen Märtyrerinnenikonografie rücken. Krone, Nägel, Holz sind den Jesus-Reliquien nachempfunden, die Pfeile besetzt Sebastian, die Kette steht für Gefangenschaft an sich...
Und die Titeln bestätigen den Verdacht: "Lucia" (sie riss sich die Augen aus), "Perpetua und Felicitas" (eine von ihnen war schwanger, als sie in der Arena starben), "Agathe" (ihre Brüste wurden abgeschnitten), "Margarethe" (ihre Haut wurde abgezogen), - Namen von Heiligen der römischen Kirche aus den ersten Jahrhunderten, deren Attribute freilich höchstens noch Kunsthistoriker irgendwann einmal gehört haben.
Der transparente, immaterielle Charakter der gesamten Ausstellung besticht im wahrsten Sinn des Wortes, obwohl haptisch erfahrbare Gegenstände gezeigt werden. Er besticht, weil hier im ästhetischen Schein die Vorherrschaft des Geistes über den Körper ebenso zelebriert wie angeklagt wird. Die kritische Sicht der Künstlerin mit dieser Tradition des Christentums, der sie auch noch eine feministische Note aufsetzt - die Attribute der frühchristlichen Märtyrerinnen sind in ihrer Sexualisierung männlichen Voyeurismus' und einer Gewalt enttarnt - findet ein Pendant in der Thematisierung der immerwährenden Aktualität körperlicher Gefährdung. So werden die historisch aufgeladenen Bilder des menschlichen Schmerzes auch als Kronzeugen aufgerufen für alle jene Grausamkeiten, die vor allem von Frauen täglich in der Spirale (sexueller) Gewalt erlebt werden. Den in den Vitrinen präsentierten Marterwerkzeugen wie Nägel, Pfeile und Krone, die durch ihr gläsernes Material zu blutfernen ästhetischen Genüssen für den Betrachter werden, werden auf Glas geätzte poetische Texte der Künstlerin, als einzige "Bilder" an der Wand montiert, beigestellt. Die Assoziationsketten von Marterwerkzeugen und Texten setzen Blutaskese mit modernen Verbrechen, heilige und unheilige Marter gelungen miteinander in Beziehung.
Der Glasklarheit der drei Räume im ehem. Jesuitenkollegium steht noch verschärft in einer inneren Konsequenz der erste, verdunkelte Raum gegenüber, in dem der Film der Künstlerin "Wir geniessen die himmlischen Freuden", angelehnt an Gustav Mahlers IV. Symphonie (siehe S.6), gezeigt wird. Am Beginn des Jugoslawienkrieges 1993 entstand dieser Film, als erste Berichte von Massenvergewaltigungen und -tötungen die westlichen Medien erreichten. Es geht also nicht nur darum, ein Heiligenbild zu recht zu rücken, indem wirkliche Realität gezeigt wird, was in der Märtyrerikonografie bildlich und real transportiert, aber spirituell, geistig und mit künstlerischen Bildern über Jahrhunderte überhöht und entwirklicht wurde, sondern um die künstlerische Thematisierung von Gewalt auf der Folie der abendländischen, vom christlichen Martyriums-gedanken geprägten Geistestradition. Die Balance zwischen ambivalenter Martyriumsgesinnung und deren positiver Symbolisierung ist allerdings eine Konsequenz dieser Art von Kunst, die keineswegs einseitig ausfällt. Will heißen: das "Zurechtrücken" ist gleichzeitig ein "Wiedererinnern" - als eine Symbol-isierung in der gegenwärtigen Zeit, die an Datenmengen zwar reich, aber an positiven Symbolen arm ist.
Johannes Rauchenberger

 
     
   

 

 
 
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