Jelana Schwarz
Geboren 1949, Studium der Theaterwissenschaft
und Musik, schreibt seit ihrem 13. Lebensjahr,
konnte in den 70er und 80er Jahren fast nur im Ausland (NY, Paris) veröffentlichen,
schreibt
neben Lyrik auch Prosa und Essays,
lebt in St. Petersburg.
Waleri Ronschin
1958 in Liski geboren, lebt in Petersburg;
Studium an der Universität Petrozawodsk und an
der Literaturhochschule Moskau. Veröffentlichungen seit 1990, schreibt Prosa und
Kinderbücher;
Übersetzungen seiner Werke ins
Englische und Französische.
Sergej A. Nossow
Geboren 1957, lebt in St. Petersburg; Hochschulstudium, Elektro-Ingenieur, danach
Rundfunkjournalist; heute freier Schriftsteller. |
Der Wettstreit
zwischen Kuschner und Sosnora in den Jahren 1970-1980 führte auch zu einer Konkurrenz
zwischen den von ihnen geleiteten Dichterklassen, wobei der Neoklassizismus des ersteren
wohl mehr Anhänger fand als die avantgardistische Poetik des anderen. Brodski hatte keine
direkten Schüler, er hatte aber hunderte von Nachahmern. (...)
Die andere Petersburger Tradition, von Absurdität und trauriger Mystik geprägt, fand in
den 20er und 30er Jahren im Schaffen jener Dichter ihren Ausdruck, die sich in der Gruppe
OBERIU ("Vereinigung der Realen Kunst") zusammengefunden hatten. Die Welt eines
ihrer bedeutendsten Vertreter, Daniil Charms, ist eine verrückte und sinnlose Stadt, voll
von schwarzem Humor und bevölkert von Monstern und Marionetten, mit denen die
allerseltsamsten Dinge passieren - das ist vielleicht die notwendige letzte Seite in jener
idealen Anthologie von "Petersburger Texten", die wir nolens volens in unserem
Bewusstsein erstellen. Und Charms selbst, groß, mürrisch und mager, in karierten Hosen
und mit dem winzigen Clown-Hut auf dem Kopf, die ewige Pfeife in den Zähnen mit einem
Dackel, der auf den Namen Hoch lebe die Erinnerung an die Schlacht am
Thermopylen-Pass hört, an der Leine, ist ihr letzter Held.
Die Tradition des Absurden und der Groteske, die von OBERIU herkommt, wurde an der Wende
1950/1960 von ganz unterschiedlichen Autoren aufgegriffen. Aus dieser Tradition kommt zum
einen die soziale Ironie von Wladimir Ufljand, zum anderen die "seltsame", aber
erhabene und reine Lyrik von Leonid Aronson. Diese Tradition lebt natürlich auch in den
Texten von Arkadi Bartow fort, des einzigen Petersburger Vertreters einer so typischen
Moskauer Richtung wie des Konzeptualismus. (...)
Groß ist das Verdienst jener jungen Autoren, die in den Jahren nach 1970 jegliche
Hoffnung auf eine offizielle Publikationsmöglichkeit verloren hatten und daraufhin ihre
eigenen Periodika im Samisdat herausgaben. Die Autoren, die im nicht offiziellen
literarischen Leben engagiert waren, waren unterschiedlich begabt, ihre Namen aber wurden
zum Aushängeschild der zeitgenössischen russischen Literatur. Die Namen Jelena Schwarz
und Wikor Kriwulin sind bereits gefallen, ich möchte noch einen Namen nennen - Sergej
Stratanowski. (...)
Jetzt steht die Literatur in Petersburg vor neuen Problemen. Ein kulturelles Leben, das
sich noch vor kurzer Zeit einzigartig vorkam, verfällt bis zu einem gewissen Grad ins
Provinzielle. Es hat den Anschein, dass das Leben nach Moskau abwandert. Viele begabte
Lyriker und Prosaschriftsteller sind dorthin übersiedelt, andere sind ins Ausland
gegangen. Es gibt in der Stadt viele gute Verlage, aber nur wenige Zeitschriften. Die
Jungen finden nicht immer ein Forum für ihre Versuche, finden nicht immer den Platz im
Rahmen der Petersburger Tradition, des Petersburger Mythos. Dieser Mythos ist allerdings
immer noch präsent, wenn er sich auch wandelt und weiterentwickelt.
(Waleri Schubinski, Lichtungen 84) |