Urs
Widmer
Geboren 1938 in Basel.
Studium der Germanistik, Romanistik und
Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. 1966 Promotion mit einer Arbeit über die
deutsche Nachkriegsprosa. Danach Verlagslektor im
Walter Verlag und im Suhrkamp Verlag.
Urs Widmer lebt und arbeitet heute als
Schriftsteller in Zürich. Er ist verheiratet und
hat eine Tochter.
Bibliografie (Auswahl):
Das Paradies des Vergessens.
Erzählung. Zürich: Diogenes, 1990.
Der blaue Siphon, Erzählung.
Zürich: Diogenes, 1992.
Jeanmaire. Ein Stück Schweiz.
Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1992.
Liebesbrief für Mary.
Roman. Zürich: Diogenes, 1993.
Top Dogs.
Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1997.
Im Kongo.
Roman. Zürich: Diogenes, 1996.
Vor uns die Sintflut.
Geschichten. Zürich: Diogenes, 1998.
Der Geliebte meiner Mutter.
Roman. Zürich: Diogenes, 2000.
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Die mythischen
Modelle Urs Widmers sind nicht Prometheus oder der bren-nende Herakles, sondern Laurel und
Hardy oder der rennende Buster Keaton. Peter von Matt schreibt in einer Rezension zu
"Kongo": "Man kann darauf zählen: Wenn es bei Widmer um die letzten Dinge
geht, inszeniert er einen Slapstick". Und Peter von Matt hat recht: Es gibt im
deutschsprachigen Raum wenige AutorInnen, die sich so souverän über die Synthese von
Tiefsinn und Leichthändigkeit definieren wie Urs Widmer. Gekonnt entzieht er sich einem
Entweder-Oder von metaphysicher Langeweile und unbeschwerter Unterhaltung; was sich locker
liest, und es geht bei ihm selten ohne Klamauk ab, bleibt auf seltsame Weise irritierend.
Seine Texte folgen einer eigenwilligen Logik, überwinden spielerisch und fast
schwindelerregend die Gravitations-gesetze der Realität.
Urs Widmer ist ein Abenteurer der Literatur: Er verführt seine Leser zu Reisen in die
verschiedensten Winkel dieser Erde. Sie fahren mit einem Altenpfleger in den Kongo, folgen
einem Liebeskranken auf den australischen Traumpfaden, oder sie treten mit einem seltsamen
Zeitgenossen eine Forschungsreise an, die gleich hinter der nächsten Häuserecke beginnt.
Widmers Geschichten sind jedoch keine Reiseführer, sie sind Expeditionen der Phantasie,
führen zu Orten der Sehnsucht, des Fremden im Alltäglichen, der Utopie.
Obwohl leichthändig, sei er nie ein "lustiger Purzel aus den Alpen" gewesen,
darauf insistiert Widmer, auch wenn er in seinen neueren Texten, vor allem in der
Erzählung "Der Geliebte meiner Mutter" der Darstellung des Leidens und des
Zerbrechens mehr Raum gibt. Aber Widmer kommt auch hier - es leben Laurel und Hardy und
Keaton! - ohne Sentimentalität, ohne Pathos, ohne die große Geste aus. Sucht man eine
Konstante in seinem Werk, stößt man unweigerlich auf eine große Menschenfreundlichkeit,
das ist der point of view, von dem aus Widmer alle Erzählerfiguren erzählen lässt und
diese Menschenfreundlichkeit führt zu einer zutiefst lebensbejahenden Moral. Die kommt
ohne Moralisieren aus und setzt auf das Spielen - auch und gerade innerhalb des
Fiktionalen, da ist Widmer einsame Klasse - und die Erfahrung, die inner- und
außerliterarische Erfahrung.
Angesichts der Interpretation, die Welt sei eine kontinuierlichen Abfolge von Katastrophen
und der eigene Tod eine davon, kann man pessimistisch sein oder heiter. Urs Widmer wählt
die Heiterkeit, die Heiterkeit des Augenblicks. Und diese Entscheidung hinterlässt im
Literarischen Spuren. "Wenn es nicht von so einem seltsamen Pathos wäre, könnte man
auch sagen, ich bin ein Leben lang eine Art Glückssucher gewesen und wollte für mich -
und durch meine Bücher auch für andere - so etwas wie Glück herstellen. Und denke, dass
das Glück eine Kategorie ist, um die zu kämpfen sich mehr lohnt, als diese Gesellschaft
es in der Regel tut", sagt Urs Widmer und ich glaube ihm. (Birgit Pölzl) |