Der Blick ins Auge der Wahrheit evoziere
Erkenntnis, nämlich: der beste Freund des Menschen sei doch das Geld. Verkündet das
Inserat in der Minoritenzeitung und wirft Fragen über Fragen auf. Wo zum Beispiel die
Wahrheit ihr Auge habe und ob ein Blick in dieses, gesetzt den Fall das Auge habe sich
gefunden, Erkenntnis brächte und ob diese Erkenntnis sich dann tatsächlich mit jener
Erkenntnis aus dem Inserat deckte. Wie auch immer, die Fragen bleiben (augenzwinkernd oder
ernst) und die Tatsache bleibt, dass das Kulturzentrum bei den Minoriten Inserate schaltet
und neue Finanzierungsmodelle für die Minoritenzeitung überlegt. Aus Notwendigkeit und
nicht etwa weil es das Auge der Wahrheit bereits gefunden hätte. Die Schwierigkeit, das
Auge der Wahrheit zu finden, ist nämlich kontextabhängig. Im Kontext der Werbung ist es
leichter zu finden als im künstlerischen, und weil es sich im künstlerischen und auch im
intellektuellen Kontext so schwer finden lässt, experimentiert, spielt, tanzt, denkt,
diskutiert, performt man dort. Die Kontexte aber, in denen sich das Auge der Wahrheit
leichter beziehungsweise schwerer bis gar nicht finden lässt, bedingen einander. Auch das
eine Binsenweisheit. So finden sich auf ein paar Seiten die Wahrheiten: die bereits
gefundenen und die immer gesuchten. Ein paar Wahrheitssuchgänge und -läufe und -flüge
seien im folgenden benannt.
Einen Klavierabend des Schubertpreisträgers Michael Wendeberg zum Beispiel gibt es und
zwei Gedenkkonzerte, die dem großen Wegbereiter der Moderne, Arnold Schönberg gewidmet
sind. Zum 50. Todesjahr wird zum einen sein komplettes Werk für Klavier zweihändig zu
hören sein, zum anderen wird sein Einfluss auf die Komponisten Spaniens und
Lateinamerikas in Form eines Ensemblekonzerts untersucht.
Zwei Ausstellungen verhandeln Kulturgeschichte des "Abendlandes". Claudia
Schink, Köln, gestaltet mit der glasigen "Blutleere" die blutigsten Motive des
Christentums, die frühchristliche Märtyrerinnenikonografie und verleiht dieser eine
gegenwartsbezogene und feministische Note. Werner Hofmeister, Kärnten, ist auf seiner
Suche nach dem großen Q im Vogelflug, in den Muttermalen und den alten und neuen
"Komplizen" fündig geworden.
Wer sich kurz vor dem Urlaub im Labyrinth als "Zeit-Raum" verirren will, ist zu
einem hochkarätigem Symposium eingeladen. Noch ein Tipp: Udo Steinbach, international
renommierter Orientalist, wird am 6. Juni zu "Christentum und Islam" sprechen.
Hingewiesen sei auch auf die hochkarätigen Lesungen und Literaturperfomances. Christian
Uetz, Berserker und Sprachwerker, einer der wichtigsten Vertreter der spoken poetry, wird
Sprache sich ereignen lassen. Die Literaturzeitschrift Lichtungen wird gemeinsam mit dem
Kulturzentrum und anderen Mitveranstaltern LiteratInnen aus St. Petersburg vorstellen, die
neue Nummer des Feuilletonmagazins "schreibkraft" wird präsentiert und Antonio
Fian wird (auf) Nestroy treffen. Und Urs Widmer wird kommen.
Aber nicht nur der Literatur aus der Schweiz wird in den kommenden Monaten beson-dere
Beachtung geschenkt, auch auf dem Theatersektor werden sich etliche Schweizer
KünstlerInnen mit ihren Arbeiten vorstellen. "Portofino" von und mit Peter
Rinderknecht sei in diesem Zusammenhang besonders empfohlen. Verantwortlich für diese
Foku- ssierung ist die Zusammenarbeit des Kulturzentrums mit "ChinA - Schweiz in
Österreich", einer Veranstaltungsreihe, die in den kommenden 12 Monaten Einblick in
die Schweizer Kunstszene bieten wird.
Birgit Pölzl