| Karl Kraus, geboren 1874 in Jitschin in Böhmen, gestorben 1936 in Wien, ist
ein typisches Kind des kaiserlich-königlichen Österreich. Der Sohn eines jüdischen
Papierfabrikanten konvertierte zur katholischen Kirche, verließ sie wieder und blieb Zeit
seines Lebens ein intellektueller Wanderer zwischen geistigen Welten. Ein Bildungsbürger
im deutlichsten Wortsinn, ein Literat auf vielfältige Weise. Der Liebhaber des
geschriebenen wie des gesprochenen Wortes machte durch bald legendäre Vorträge und
szenische Lesungen in Berlin und Wien auf sich aufmerksam. Zu Beginn des Jahrhunderts
auftauchende literarische Persönlichkeiten wie Kokoschka, Trakl, Werfel und Else
Lasker-Schüler verdanken auch ihm ihre Entdeckung und Förderung. Sein eigener
Dichterruhm gründet in erster Linie auf dem, einem "Marstheater" zugedachten
satirischen Antikriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit", das ein bitteres
Szenario der österreichischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg liefert.
Kraus lehnte stets jede feste Stellung ab - wohl auch abgesichert durch famili-äres
Vermögen - um sich voll und ganz der Perfektionierung seiner literarischen Arbeit widmen
zu können. Umfangreichen Ausdruck findet das Ergebnis dieser Bemühungen in seiner
Zeitschrift "Die Fackel", die er von 1899 bis 1936 in teilweise unregelmäßigen
Abständen herausgab. Ihr Thema ist die Zeit und ihre bizarren Erscheinungen, ihre Waffe
ein geschärftes Sprachbewusstsein, das zwischen den Zeilen und Wörtern zu lesen weiß
und dadurch leere Phrasen in Politik, Presse und Kunst als das entlarvt, was sie sind. So
präsentiert sich der Chronist der untergegangenen Donaumonarchie als scharfer Analytiker
sowohl seiner Epoche als auch eines ewig Menschlichen, das sich im allzu raschen Vertrauen
auf schlüssig erscheinende Ideologien äußert.
Rudi Widerhofer leiht dem "Fackelkraus" seine Stimme und macht sich den nicht
immer zynischen Ohrenzeugen und brillanten Sprachbeherrscher zu eigen. Eine Suche auch
nach der zweiten Seele in der Brust des elitären Literaten, der dem Dollfuß-Regime nicht
eindeutig ablehnend gegenüberstand, da er es für die einzige Alternative zur
aufkommenden braunen Übermacht hielt und der sich nie zu einer klaren Äußerung über
die nationalsozialistischen Umtriebe in seinen letzten Jahren durchrang. Sieglinde Roth
"Die Realität hat nur das Ausmaß des Berichts, der mit keuchender Deutlichkeit sie
zu erreichen strebt. Der meldende Bote, der mit der Tat auch gleich die Phantasie bringt,
hat sich vor die Tat gestellt und sie unvorstellbar gemacht. [...] Und ist denn der Bote
nicht der Täter zugleich? Das gedruckte Wort hat ein ausgehöhltes Menschentum vermocht
[sic!], Greuel zu verüben, die es sich nicht mehr vorstellen kann, und der furchtbare
Fluch der Vervielfältigung gibt sie wieder an das Wort ab, das fortzeugend Böses muss
gebären. Alles was geschieht, geschieht nur für die, die es beschreiben, und für die,
die es nicht erleben. Ein Spion, der zum Galgen geführt wird, muss einen langen Weg
gehen, damit die im Kino Abwechslung haben, und muss noch einmal in den photographischen
Apparat starren, damit die im Kino mit dem Gesichtsausdruck zufrieden sind." In: Karl
Kraus. Die letzten Tage der Menschheit. |
 Rudi Widerhofer
1958 in Braunau am Inn geboren, Studium der Amerikanistik und Germanistik.
Autor und Darsteller zahlreicher Kabarett- und Kleinkunstprogramme.
Schauspielerische Tätigkeit in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Slowenien in
Stücken zeitgenössischer Autoren.
Schriftstellerische Tätigkeit: Theaterstücke, u.a. Ariadne kaputt (Forum
Stadtpark, 1990) Burgkirchen (Forum Stadtpark, 1997)
Burgkirchen II - Welt und Wurst (Aufführung für 2002 geplant)
und andere literarische Tätigkeiten, u.a. Der Deutsche Schlager am Ende des 20.
Jahrhunderts (Opernhaus Graz, 1998 in Zusammenarbeit mit Studio Percussion). |