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Literatur aus Timisoara/Temeswar
Herta Müller und Daniel Vighi
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transLOKAL -
Literatur aus europäischen Städten
Kulturamt der Stadt Graz
Graz - Kulturhauptstadt Europas 2003
Cultural City Network
Literaturzeitschrift Lichtungen
Franz Nabl Institut und Urania

Einführung:
Gerhardt Csejka

Die Universität der Stadt nennt sich Universitatea de Vest ("West Universität"), und das mutet zunächst gewiss etwas einfallslos an, wie eine schlicht sachliche Ortsbestimmung, denn Temeswar liegt nun mal im Westen Rumäniens; bei näherer Betrachtung der Dinge jedoch wird schnell klar, dass die geographische Situierung hier auf dem kürzesten Weg ins Symbolische transferiert wurde. Jedes Gespräch mit einem Temeswarer über die politische und wirtschaftliche Lage von Stadt und Region führt fast zwangsläufig zu Klagen über das schlechte West-Süd-Verhältnis, will heißen: die Spannungen zwischen der Bukarester Zentralmacht und der potenten Westprovinz, wobei der historische Hinweis, das Banat sei bis 1918 eben k.u. k. gewesen, alles hinreichend zu erklären scheint. Objektiv messbar ist die Westverschiebung an den Längenkreisen und drückt sich in Minuten und Sekunden aus: Die Differenz der tatsächlichen Temeswarer Ortszeit zur offiziell in Rumänien geltenden osteuropäischen Zeit (OEZ) beträgt genau 34'52'', wie ein neueres Temeswar-Buch vermerkt.
Eine gute halbe Stunde Abstand von Osteuropa, und zwar westwärts, kann unter Umständen schon eine gemeinsame Grenze mit Mitteleuropa bedeuten. Allerdings hat die finstere Zeit, von der etwa Herta Müllers Romane erzählen, selbst diese knapp 35 Minuten so gründlich aufgefressen, dass kaum mehr als der Traum davon übrigblieb, der Traum von einer geophysischen und kulturgeschichtlichen Erlösung namens Mitteleuropa, den nicht platzen zu lassen eine Reihe hervorragender Leute in Temeswar/Timisoara ihre Kräfte einsetzen. Und was sie leisten, wird mit Sicherheit auch dann noch seinen Zweck erfüllen, wenn die prekären, politisch instrumentalisierbaren Bezeichnungen der verschiedenen euopäischen Teilgebiete definitiv aus dem Verkehr gezogen sind und die Träume der Halb- Mittel- und Randeuropäer anders heißen. (...)
Viele sind im Lauf der Zeit weggegangen, aus Temeswar ebenso wie aus anderen am falschen Längenkreis gelegenen Städten. Aber nicht alle gingen in gleicher Weise und in dieselbe Richtung. Den jungen von Talent strotzenden Petre Stoica etwa zog es aus der literarischen Provinz in die Hauptstadt des Landes und der rumänischen Kultur, um da zu studieren. (...) Er kehrte ins Banat zurück, ließ sich nach der Wende in dem Grenzstädtchen Jimbolia (dt.Hatzfeld) nieder und betreibt da nun auf eigene Faust eine Stiftung mit kulturvermittelnden Zielen. Richard Wagner wiederum, der in den siebziger Jahren die nachmals berühmt gewordene Temeswarer progressive Autorenvereinigung "Aktions-gruppe Banat" leitete und Texte produzierend sowohl gegen das politische System zu Felde zog, für das Bukarest stand, als auch gegen den platten deutschtümelnden Ethnozentrismus seiner Banater Landsleute, fand sich in Berlin wieder. Er ist eindeutig so tief verletzt von allem "Balkanismus", dass sich seine emotional stark aufgeladenen Sätze dazu bisweilen wie echte Bannsprüche oder Fluchdichtungen ausnehmen, und ist damit doch gar nicht weit weg vom Geist jenes Temeswar 34'52'' westlich von Osteuropa.
Gerhardt Csejka, Lichtungen 81


Herta Müller
1953 in Nitzkydorf im Banat geboren, studierte Germanistik in Temeswar und arbeitete dort als Übersetzerin und Deutschlehrerin, seit 1984 freischaffend.

1987 Übersiedlung nach Deutschland, lebt zur Zeit in Berlin.
Zahlreiche internationale Preise, u.a. Franz Nabl-Preis - Literaturpreis der Stadt Graz 1997, die wichtigsten Buchveröffentlichungen:
Niederungen, Prosa, 1982 (Bukarest), 1984 (Berlin), Drückender Tango, Prosa, 1985 (Bukarest), Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, Eine Erzählung, 1986, Barfüßiger Februar, Prosa, 1987, Herztier, Roman, 1994, Hunger und Seide, Essays, 1995, Heute wär ich mir lieber nicht begegnet, Roman, 1997.

Daniel Vighi
1956 in Lipova bei Arad geboren. Nach dem Studium der Rumänischen Literatur, Arbeit als Rumänischlehrer in Temeswar, wo er heute als freischaffender Autor lebt.
Debüt als Erzähler mit dem Band Povestiri cu strada depozitului ("Erzählungen mit der Lagerhallen-Straße"), Bukarest 1985; danach etliche Romane und zwei Reportage-Bände gemeinsam mit Viorel Marineasa zur bis dahin tabuisierten Deportation der Banater Bevölkerung in den Süden der Walachei.
Essayistische Prosa (u.a. Valahia de Mucava, "Die Pappendeckel-Walachei",
Temeswar 1996) und literaturwissenschaftliche Publikationen.

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