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Die Besetzung der Leerstelle, Aura
und die Erinnerung an
eine metaphysische Not
Aura ist das Wort, das Hannes Schwarz sogar selbst in den Mund nimmt, wenn er das
Ritual des Bilderherzeigens für seine Gäste vollzieht. Ansonsten ist er ein quälender
Zweifler, ein Skeptiker geblieben. Aura wurde in der Moderne salonfähig durch Walter
Benjamin, tradiert von Theodor W. Adorno. Hannes Schwarz, dieser sonst so stille und
zurückgezogene Künstler aus Weiz beschwört allerdings beinahe dieses Wort, dass man als
Betrachter ein wenig irritiert ist, weil man im eben erlebten Ritual durch diese Erfahrung
noch ganz in Beschlag genommen ist. Aura, "die einmalige Erfahrung einer Ferne, so
nah sie sein mag" hat jene Umschlagsqualität von Entzug und Nähe, von Zeigen und
Verhüllen, von blanker Materie und deren greller Ausstrahlung, die aus dem Erbe des
Heiligen genommen ist.
Dieses Erbe muss, so denke ich, einmal benannt werden bei den Bildern von Hannes Schwarz.
Die Formen, die sein Spätwerk charakterisieren, öffnen die Bildwelten des Kultischen und
Sakralen, die im Gegenwind der Moderne oder im Sog der Postmoderne entweder musealisiert,
verniedlicht und verkitscht oder faschistoid monumentalisiert sind. Aber Schwarz steht in
keiner Tradition, noch wärmt er irgend etwas auf. Er führt uns eigenständige Bildwelten
vor Augen, die, akribisch gemalt und komponiert, so gar nichts von einem subjektiven
emotionalen Malduktus haben. Sein ganzes Lebenswerk verstehe ich als die erlittene Poiesis
eines erlebten Göttersturzes und das Ringen um dessen Leerstelle. Letzteres trifft vor
allem auf das Spätwerk zu. Anders als viele Zeitgenossen mit dem Blinzeln des tollen
Menschen Nietzsches weiß er, was verloren ist und bemüht sich auszumalen, was an diese
Stelle zu setzen wäre. Es gibt nämlich kaum einen Künstler, der in einem so
kontinuierlichen Lebenswerk die Spanne des existentialistischen Wurfs in die Welt bei
gleichzeitigem Erleiden des Versagens der Antworten aus dem Absoluten so sehr
durchgehalten hat wie der Maler Hannes Schwarz. Was hier verhandelt wird, ist eine
metaphysische Not. Die mag vielen Zeitgenossen fremd sein. Deshalb sind Archive der Kultur
(Boris Groys) da, um etwas in Erinnerung zu halten, was beizeiten wieder in die
Gegenwartsdeutung geholt werden kann.
Das Verlorene zu benennen und künstlerisch umzusetzen hat
Hannes Schwarz die Anstrengung und Zweifel eines ganzen Lebens gekostet. Kafka,
Wittgenstein, Kolakowski, Adorno, und wie sie alle heißen: Die lebensnotwendige
Geistes-Therapie für Hannes Schwarz nach dem Göttersturz des Nationalsozialismus, dem er
als junger Mensch ausgesetzt war, hat allerdings aus dem Zeitabstand von 30, 40, 50 Jahren
etwas so Heroenhaftes und Fremdes zugleich, das mehr und mehr entwischt. Deshalb tut
Erinnerung not. An die Denkfigur des Existentialismus, an das Geworfen-Sein in die Welt
und was es heißt, Freiheit als Lebenswurf zu buchstabieren. Erinnerung nicht bloß an ein
geschichtliches Phänomen oder als respektable Würdigung anlässlich des 75. Geburtstages
eines der wichtigsten steirischen Künstler nach 1945 (der seine geschundenen Leiber, wie
Wilfried Skreiner zu Recht kurz vor seinem Tod betonte, zeitgleich mit Francis Bacon
gemalt hat), sondern als Entwurf in einer Zeit, die Freiheit mit Lustig-Sein verwechselt
und die Frage nach dem Absoluten in Reality-TV verlegt. Früher hat man Schwarz
interpretiert als den großen Leider, dessen geschundenen Leiber zum Ausdruck bringen,
dass keine Erlösung erwartet werden dürfe. Um diese letztlich falsch verstandene
Theodizeefrage geht es schon längst nicht mehr. Sondern es geht um den drohenden Verlust
des Verständnisses, worum es Schwarz und einer Generation mit ihm gegangen ist, denn das
Problem der Erlösung wurde von viel aggressiveren Systemen von Befriedigung als jenes,
das offensichtlich versagt haben soll, niedergewalzt.
Die Zeichen in Schwarz' Bilder sind einsam, wie auch ursprünglich ein Existentialist nur
einsam sein kann. Sie sind auch einsam, wie ein alternder Mensch einsam sein kann, mit dem
gefühlten Missverständnis, "das Neue" (Groys) selbst bewege sich in eine ganz
andere Richtung. (Aber dass ein Schwarz-Bild bei Peter Weibels Ausstellung "Der
anagrammatische Körper" gegenüber einer Louise Bourgeouis Bestand hat, hat man in
Karlsruhe gesehen.)
Die Einsamkeit der Zeichen kann vielmehr gelesen werden als die folgerichtige Eigenschaft
ihrer Aura. Das Erbe des Heiligen, das sie antreten, muss die notwendige Selbstbehauptung
aufweisen, gerade weil sie aus einer metaphysischen Not entsprungen sind. Angesichts der
Gitterbilder der 60-er Jahre sind dies mehr als ästhetische Entwürfe, die uns Hannes
Schwarz in seinem Spätwerk anbietet: Die Früchte als Emanationen des Geistes. Die
Wimpeln im grenzenlosen Horizont. Die Mauer des Schweigens. Die Grenze als Kontemplation,
das gefaltete Blatt als Monument. Die Spuren der Abwesenheit, die hermetischen Dächer.
Das Tuch und der Opferschrank.
Die symbolischen Formationen entziehen sich der Symbolik, weil sie selbst Zeichen genug
sind, Inkarnationen der Präsenz im Entzug. Die Bilder bedeuten nichts, aber nehmen die
Erhabenheit eines Bedeutungsraumes in Anspruch. Insofern sind sie dem Geist der Romantik
und dem Sublimen verwandt, aber getränkt mit dem Existentialismus und den
nietzscheanischen Erfahrungen des zu Ende gegangenen Jahrhunderts. Und sind dabei
paradoxerweise einem Ausspruch des Künstlers und Zeitgenossen Hannes Schwarz - angesichts
der vergeistigten Bildwelt dieses Spätwerks mit der Noblesse der Reinigung erlaube ich
mir, dies zu sagen - berührend nahe: "Ich möchte malen können wie Fra
Angelico."
Johannes Rauchenberger
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