Die Dichterin Zsófia BALLA (sprich: Schofia Balla) wurde
im Jahre 1949 in Klausenburg in Siebenbürgen, Rumänien geboren. Sie besuchte die
Hochschule für Musik in ihrer Heimatstadt und arbeitete ab 1972 einige Jahre als
Kulturredakteurin des ungarischsprachigen Rundfunks in Klausenburg und in Bukarest. Sie
war Mitarbeiterin verschiedener Literatur- und Kinderzeitschriften. Da sie jedoch seit
ihrer Hochschulzeit zur demokratischen Opposition gehörte, wurden ihre Arbeits- und
Publikationsmöglichkeiten immer mehr eingeengt. In den Jahren 1980 bis 1990 durfte sie
Rumänien nicht ver-lassen, 1985-1990 nicht publizieren. 1993 wanderte sie nach Ungarn
aus. Ihre Dichtung weist sowohl rhythmisch als auch thematisch eine große Vielfalt auf.
Balla hat formal beinahe alles ausprobiert, von der feierlichen Erhabenheit bis zur
Verspieltheit und zur Groteske, von den kompliziertesten Versformen bis zur einfachen
Liedform. Sie ist Trägerin mehrerer rumänischer und ungarischer Literaturpreise und
verbrachte ein Jahr als DAAD-Stipendiatin in Berlin. In ungarischer Sprache begann sie
1968 zu publizieren, ins Deutsche wurde sie erst in den letzten Jahren übersetzt.
Veröffentlichungen: Schönes, trauriges Land (Gedichte und Prosa. Aus dem Ungarischen von
H.-H. Paetzke) 1998; Spirituoso (Gedichte. Aus dem Ungarischen von Csaba Báthori) 1999;
Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien im gesamten deutschen
Sprachraum. |
"Substanz herausfordernden Verurteiltseins zum Leben, eines Neuanfangs im Tod.
Störrische Unschuld, Aufdringlichkeit unbewussten Seins. In Wellen schwappen mir seine
grellen oder matten Farben ins Auge. Als Kamillen- und Quendelsommer dringt es mir in die
Nase. Dann breitet sich sein Duft als Heu zur Lobpreisung in der Krippe aus. Scharfes
Grasbüschel an der felsigen Küste. Seegras in Polstersesseln, in Matratzen. Gras in der
Dachrinne, in den Ritzen der Gehwege, in Nestern, am Grabenrand. Herbstlicher Rasen der
Allee voll glänzender Kastanien, bedeckt von herabgeschwebten, sich kringelnden
Blättern. Gestutzter Rasen eines Zierparks. Wolkenverhangene Felder und Wiesen. Erdseide,
grüner Samt. Aus dem Maul einer Kuh hängt ein Grashalm heraus. Teekräuter.
Apotheose der Unterwürfigkeit, der Erde Streicheln, nicht in den Boden zu stampfende,
hochmütige Demut. Die Bestimmung versucht, etwas zusammenzuhalten.
Gras, Säule meines Weltverständnisses. In den griechische Hainen, zwischen den Bäumen,
kurze Halme, dicht. Große, grasbewachsene Plätze, dem Meer gleich, so denke ich.
Moosfarbene Bettdecke im nachmittäglichen honiggelben Licht. Smaragdgras; grelles,
blendendes Grün im Opalneonlicht, brennt aus die im Winter sich feuchtende
Netzhaut.
(Zsófia Balla: Gras. In: Zsófia Balla: Schönes, trauriges Land.)
|

Pál Deréky
geb. 1949 in Budapest.
1964 Übersiedlung nach Österreich.
Habilitation an der Universität Wien,
lehrt Neuere Ungarische Literatur am
Institut für Finno-Ugristik an der Universität Wien,
zahlreiche Veröffentlichungen zur
ungarischen Avantgarde-Dichtung.
|