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"Die "reinen"
Intervalle (und auch die Naturtöne) zwingen das Ohr in gewisse "Geleise", die
den Jahresringen des Holzes ähneln. In der gleichschwebenden Temperatur sind aber diese
Geleise vollständig entfernt und sie gestattet eben deshalb d i e V e r b i n d- u n g a
l l e r T ö n e m i t a l l e n, ähnlich wie sich der Marmor, im Gegensatz zum Holz,
nach allen Richtungen hin spalten lässt. Bisher wurde diese hervorragende Eigenschaft der
Temperatur nicht erkannt, wohl auch nicht benötigt... Es gibt nun Menschen, die die
"natürlichen" Tonfortschreitungen und Auflösungen (die an der Mechanik,
Technik und Bauform der Orchesterinstrumente haften) noch in den Ohren haben, die
"hörend" noch nicht die "Trägheit der Materie" zu überwinden
vermögen, und die bezeichnen die Temperatur als "einen notgedrungenen Behelf mit
leidlich brauchbaren Intervallen", als einen "Kompromiss", einen
"Waffenstillstand" u. dgl., ohne dabei zu bedenken, dass die
"modernen" gebräuchlichen "Stimmführungen" und Modulationen gerade
durch die verachtete "Temperatur" überhaupt möglich waren." JMH
Josef Matthias Hauer, der in seinem Op. 19 - "Nomos" für Klavier (1919) vor
Schönberg sein "Zwöltongesetz" erstmals bewusst formulierte, ist eine der
musikgeschichtlich entscheidenden Figuren des 20. Jahrhunderts. Dieter Bogner schreibt in
seinem Aufsatz "Zum Werk von Josef Matthias Hauer":
"Hauer hat sein Strukturdenken nicht nur auf die musikalische Formgebung angewendet,
sondern in seinen theoretischen Schriften auch an die Umsetzung in sprachliche und farbige
Gestaltung gedacht. So schwebt ihm die Herstellung eines nach den Prinzipien seiner
seriell aufgebauten Zwölftonstücke angefertigten "Zwölftonteppichs" vor, eine
künstlerische Problemstellung, die in diesen Jahren auch der Schweizer Maler Richard Paul
Lohse in Weiterentwicklung der Gestaltungsideen der De-Stijl-Bewegung erkannt und in
seinem künstlerischen Werk gelöst hat.
Hauers strukturelles und serielles Gestalten hat in den fünfziger Jahren wesentliche
Anregungen auf die jüngere österreichische Künstlergeneration ausgeübt und wirkt auch
heute noch weiter: Dies betrifft die Konkrete Poesie (z.B. Gerhard Rühm), die bildende
Kunst (z.B. Marc Adrian, Hans Florey, Walter Kaitna) und auch den Wiener Experimentalfilm
(z.B. Kurt Kren).
Weit über diese österreichische Bedeutung hinaus verweisen zentrale Aspekte seines
künstlerischen und methodischen Denkens auf die Ästhetik von John Cage und auch auf die
der amerikanischen Minimal Music."
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